Vergeigte Zeit

Eine Familiengeschichte ist immer auch eine Geschichte über die Wildnis der Gefühle.

Die Familie beginnt dort, wo zwei Menschen ihre Leben zusammenwerfen, ihren Schmerz, ihre Träume und ihre ungelösten Traumen. Dann multipliziert sich all das. Früher oder später werden Generationen miteinander konfrontiert - jede aus ihrer Zeit heraus, ihren Überzeugungen. Wie soll das gutehen?

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In meinem Roman Nachklang habe ich einen Mann und eine Frau miteinander verheiratet, die völlig gegensätzlich gepolt sind. Der Mann, Theo, sehnt sich zwar nach tiefer Bindung und Vertrauen, bleibt aber in der gewinnorientieren Denkweise verhaftet. Er opfert den Zusammenhalt in der Familie dem, was ihm immer als höhere Wahrheit vorgelebt wurde: dem wirtschaftlichen Erfolg. Seine Frau Ellie dagegen verliert sich ständig in der Bodenlosigkeit ihrer Gefühle.

„Menschen wie du brauchen Menschen wie mich“, sagt Theo zu Ellie.

Er bringt ihr bei, dass sie ihre Emotionen zügeln muss, wenn sie erfolgreich sein will. Doch das will er eigentlich garnicht, denn auf seiner Agenda bleibt sie abhängig von ihm. Beide lieben Musik. Für Ellie ist sie eine Flucht vor den unerreichbaren Erwartungen ihrer Umwelt, für Theo ist sie eine Möglichkeit, Stress abzubauen. Er gerät zwar in Nostalgie wenn er Musik hört, doch vom nächsten logischen Schritt in seiner Planung hält ihn das nicht ab, nicht einmal als er schon todkrank ist.

„Musik will nur Musik sein“, sagt Ellies Klavierlehrer.

Als junges Mädchen kämpft Ellie mit dem Scheitern ihrer Eltern und ihrer Sehnsucht nach Anerkennung. Ihr Klavierlehrer will sie davon abhalten, die Musik zu gebrauchen, um ihr Leben erträglich zu machen und um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Er weiß, wie Sinn-gebend es ist, sich einfach von Klang und Schönheit leiten zu lassen. Nicht als Pause vom rationellen Denken, oder um mit Kunst zu punkten, sondern aus reiner Neugierde auf diese unbändige Energie, die einzig nachhaltige Antriebskraft der Seele.

Ohne, dass die Seele einen Antrieb hat, geht nichts auf Dauer gut.

Dies zeigt sich deutlich in der Geschichte, die ich über Ellie und ihr Einheiraten in die völlig zerstrittene Unternehmerfamilie Schmidt geschrieben habe. Ellie lernt zwar, häufiger ihren klaren Verstand einzuschalten, bleibt aber mit ihren inneren Leitmotiven in Verbindung. Ihr Mann Theo geht den Weg der Ratio bis zu seinem bitteren Ende. Er glaubt, alles Wichtige zu regeln bevor er stirbt, doch im Grunde hat er, als er sich verabschiedet, alles Wichtige zerstört.

Auch ich bin in einer Unternehmerfamilie inmitten einer boomenden Wirtschaft großgeworden und kenne die Dynamiken, die darin wüten, sehr gut. Finanzieller Profit wird mit fast schon religiöser Demut verfolgt. Er ist die einzige Antwort, die gilt, selbst auf die großen Fragen. Gefühle werden wegdiskutiert, um die Hierarchien der Macht und der Werte nicht zu gefährden. Meine Rettung davor war immer die Musik. Wenn ich Musik höre oder am Klavier sitze wird aus meiner Angst und meiner Wut erst eine Melodie, dann eine große Freiheit. Das Leben besteht nur noch aus Wundern und Möglichkeiten. Keine starren Regeln mehr in Sicht.

Das klingt, als wäre ich nicht sehr praktisch veranlagt. De facto bin ich aber gar nicht so schlecht darin, ein paar Gesetzen zu folgen, um im System zu überleben. Nur wenn ich darin überlebe, habe ich schließlich eine Chance, es zu verändern. Wer kann schon nur den Tag vergeigen?

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